Freitag, 12. April 2013

Klappe, die Elfte: Und die Wogen unserer schier endlosen Diskussion überschlagen sich wieder.



Intolerante Menschen sind die Pest. In der Erziehung ein Kabel falsch zusammen gelötet und schon ist die Akzeptanz anderer Ansichten nichts als eine hauchdünne, schnell abgebrannte Zündschnur, von der nahezu nichts übrig bleibt, sobald explosionswütige Vorteile in einem Feuerwek der Engstirnigkeit münden. Ich hasse Diskussionen die jegliche Argumentation vermissen lassen und einseitig auf einer klassischen "Ist halt einfach so"-"Darum"-Basis stattfinden.
Heute vor der Vorlesung wurde ich mal wieder in eine verwickelt...nein, nicht nur in _irgendeine_ sondern in DIE bodenlos intolerante Diskussion schlechthin. Der Dauerklassiker mit dem Titel: "Vegetarier und Veganer sind beknackt und brauchen schlicht ein wenig Aufmerksamkeit"

Ladies and Gentlemen...let's get ready to Ramboooo, Runde 1:
Er: Wenn wir heute Abend Pizza bestellen, isst du dann wenigstens Schinken?
Ich: Ich kann heute abend nicht. (Wahr - ich habe einer Spontanverabredung für heute Abend zugestimmt, mit Musical! Wuhuu!)
Er: Gut, wenn du können würdest, würdest du dann Schinkenpizza essen?
Ich: Nein.
Er: Also ich versteh' echt nicht, was der Scheiß immer soll. Wieso isst du kein Fleisch? Das nervt echt.
Ich: Weil ich es nicht nur in ethischer Hinsicht vernünftig finde, auch für Gesundheit und Umwelt ist Fleisch nicht der Renner. Milchprodukte übrigens genauso wenig. Was hast du überhaupt für einen Grund, dich über meine Ernährungsweise aufzuregen?!
Er: Das mit der Umwelt ist doch Quatsch, weißt du, dass der Regenwald abgeholzt wird um eure scheiß Tofu-Soja-Dinger-Pflanzen anzubauen?!

Und Peng! - die erste, schlecht informierte Vorurteilsbombe platzt!
Gefährliches Halbwissen, par excellence!

Ich: Schwachsinn! Wenn du schon anfängst dich in solchen Belangen zu belesen, dann mach' es gefällgst richtig! Ja, es werden große Teile des Regenwaldes abgeholzt und ja, das passiert in sehr vielen Fällen zu dem Zweck, auf diesen Flächen Sojabohnen zu kultivieren, aber hast du eine Ahnung, wieviel davon zu Tofu verarbeitet wird?! So gut wie nichts! Ein kleiner Teil wird zu Forschungszwecken zugunsten von "nachhaltigem" Biosprit abgezwackt und beinahe der _komplette Rest_ wird zu Futtermitteln verarbeitet. Riesige Mengen an Mastfutter, damit unzählige übereinander gepferchte Kühe und Hühner und Schweine möglichst schnell möglichst fett werden und du im Endeffekt eine riesige Auswahl an billigem Scheißfleisch im Supermarkt-Kühlregal findest.

Er hält einen Moment lang die Schnauze, d.h. die erste Runde geht wohl an mich.
Runde 2:

Er: Und wieso soll es gesundheitlich besser sein, kein Fleisch zu essen?
Ich: Das würde ich mal einen Arzt fragen, ich glaube nicht umsonst rät heute jeder zweite bei ernsthaften Langzeitkrankheiten zunächst einmal den Fleischkonsum zu drosseln.
Er: Ja, das verstehe ich ja eh nicht. Menschen sind von Natur aus Fleischesser.
Ich: Wie kommst du darauf?
Er: Ja, ist einfach so.

Aaahhhhrrgg! WTF?!
"Ist einfach so" ist _kein_ Argument!!

Ich: Ich glaube nicht, das Menschen von Natur aus dazu bestimmt sind, Fleisch zu essen. Bloß weil etwas über Jahrhunderte Tradition erlangt hat, muss es noch lange nicht naturgewollt sein.
Er: Wieso sollte es das nicht sein?
Ich: Oh man, vergleich' einen Menschen doch einfach mal mit einem klassischen 'Fleischfresser'! Wir haben ganz normale Fingernägel und keine harten, scharfen Krallen, mit denen wir Beute einfach so auseinander reißen können. Wir haben ein verkümmertes, kleines Gebiss - keinerlei Reißzähle mit der wie Fell und Muskeln anderer Tiere ohne Weiteres zu zerfetzen im Stande wären. Wir haben einen miserablen Geruchsinn...wir können Beutetiere nicht via Nase aufspüren - Raubtiere können das. Wir sind auch bei Weitem nicht schnell genug, um unsere Beute zu fangen. Bist du im Stande, in der Natur hinter einem Hasen/Schwein/was-auch-immer herzurennen und ihn/es mal eben einzufangen? Ich glaube kaum. Außerdem ist unser Gehirn nicht derart gepolt, dass uns beim Anblick von einem schwächeren Säuger automatisch das Wasser im Mund zusammen läuft - weder bei einem lebendigen, noch einem toten. Raubtiere wie Wölfe, Löwen etc. produzieren automatisch Speichel, wenn sie warmes Blut wittern.
Was uns außerdem von Fleischfressern unterscheidet, ist unsere Pingeligkeit. Wir sind total zimperlich im Bezug auf unser Essen - ähnlich wie Primaten übrigens. Raubtiere fressen nicht nur das Fleisch, sie trinken auch das Blut, fressen alle Organe, die Kochen, Krallen und ebenso das Fell von Beutetieren. Wenn Menschen Tiere verzehren, dann bleibt grundsätzlich ein riesiger Berg an Teilen übrig, die wir im Leben nicht essen würden. Müll - totale Verschwendung. Will die Natur das so?
Und das sind alles lediglich äußere Merkmale, die Menschen von klassischen Fleischfressern unterscheiden. Unser Verdauungstrakt ist auch komplett anders aufgebaut - viel länger. Außerdem produzieren Räuber wesentlich schärfere, ätzendere Säuren und Magensäfte um das schwer verdauliche Fleisch auseinander zu brechen. Wir können das nicht so einfach, hinzu kommt wie gesagt, dass unser Darm viel zu lang für Fleisch ist. Wenn du heute Abend Schinken auf der Pizza ist, musst du nicht meinen, dass du ihn morgen früh auf dem Klo wieder siehst. Unsere Verdauungsorgane quälen sich Tage bis hin zu einer Woche mit Fleisch herum. Das ist übrigens auch der Grund warum es so verdammt ekelhaft stinkt, wenn Fleischesser...naja, aufs Klo gehen -.-' Das Fleisch braucht einfach ewig bis es wieder raus ist und rottet und fault und stinkt ordentlich vor sich hin.

Zerknirschtes Schweigen indiziert, dass ich wohl auch die zweite Runde als Siegerin verlasse.
Will ich eigentlich überhaupt nicht. Ich habe keinen Bock darauf, anderen stundenlange Vorträge über Raubtierverdauung zu halten.
Müsste ich auch nicht, wenn einfach ein paar mehr Menschen auf die Idee kämen, ihre grauen Zellen aus dem Stand-By-Modus zu retten und sich selbst zu informieren.
Aber das passiert nicht. Denn mit einem "Ist einfach so" lässt sich die nächste Currywurst wesentlich bequemer den Rachen hinunter jagen.
Faulheit ist Trumpf. Das ist so traurig.
Runde 3:

Er: Aber du vergisst, dass wir Menschen unsere Intelligenz haben. Wir können mittels unserer Intelligenz Werkzeuge bauen, mit denen wir Tiere fangen und erlegen können, also hat die Natur es doch gewollt.
Ich (der Diskussion mitlerweile mehr als überdrüssig): Dann bist du der Meinung, bloß weil wir Menschen mit naturgegebener Intelligenz ausgestattet sind, ist automatisch alles naturgewollt, was daraus resultiert? Damit ließe sich ja alles rechtfertigen!
Er: Ja.
Ich: Dank unserer Intelligenz bauen wir Kernkraftwerke, die uns dann selbst um die Ohren fliegen - ist das naturgewollt? Dank unserer Intelligenz wissen wir auch, wie man Heroin synthetisiert und konsumiert - hat die Natur das auch geplant? Und schau dir Massenzuchtanstalten an. Zum Beispiel in der Ei-Industrie. Männliche Kücken legen naturgemäß keine Eier, sind deshalb -gemäß unserer industriellen Intelligenz- unwertes Leben und werden per Fließband milliardenfach in überdimensionale Schredder befördert und schnell und sicher zermatscht. Von der Natur so eingerichtet?
Das Argument unserer Intelligenz, mit der sich wie gesagt _alles_ rechtfertigen lässt, macht nur Sinn, insofern man davon ausgeht, dass die Natur geplant hat, sich irgendwann komplett selbst zu vernichten und der Mensch mit all seinen intelligenten Handlungen praktisch als tickende Zeitbombe fungiert, die früher oder später alles zunichte macht, was irgendwann einmal 'Natur' gewesen ist. Allerdings finde ich das unlogisch, weil jedes einzelne Lebewesen - jeder noch so kleine Organismus in einem Ökosysthem - zunächst einmal darauf gepolt ist, zu überleben. Die Natur besteht doch aus nichts anderem, als aus Milliarden verschiedener Lebewesen und Lebewesen wollen _leben_ wie der Name unschwer vermuten lässt. Leben, überleben, ihre Art fortführen und so das Ökosythem stablil halten. Ich denke, eher _das_ ist Plan der Natur und nicht ein irrsinniger Selbstzerstörungsmodus in dem Menschen die Schlüsselrolle spielen.
Er: Hm.

Vorläufig: Ende. Wir beide sind unzufrieden weil jeder korrekterweise sicher ist, den anderen nicht von seinem Standpunkt überzeugt zu haben. 
Sein Standpunkt überzeugt mich nicht - um 'Darum'-ähnliche Scheinargumente gelten zu lassen, müsste ich aufhören zu denken. Mein Standpunkt überzeugt ihn nicht - um unbequeme Wahrheiten an sich heran zu lassen, müsste er schließlich anfangen zu denken. Alles unbefriedigend. Alles Scheiße.
 

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Das Viele zu bequem sind, sich selbst zu informieren (und stattdessen viel lieber in ihrer rosa-roten Seifenblase verbleiben, in der Fleischkonsum gesund und das REWE-Steak mal eine fröhliche, langlebige Kuh gewesen ist, die uns Menschen ihr Fleisch am Ende ihres Lebens freiwillig zur Verfügung stellt) ist nicht gerade geil, treibt mich aber auch nicht in den Wahnsinn. Ich finde diese Bequemlichkeit alles andere als optimal -denn wenn unsere Intelligenz zu irgendetwas zu nütze ist, dann dazu, Dinge zu überdenken und zu hinterfragen- aber sie stört mich auch nicht über alle Maßen. Ich akzeptiere es, wenn Menschen ihr eigenes Ding durchziehen (und sei es ein vorurteilsschwangeres Ding) - wer mit Scheuklappen durch die Welt rennen und sich den Bauch mit Schweinerippchen vollschlagen möchte, der soll das meinetwegen machen.
Aber: Genau wie ich andere Menschen, andere Denkmuster und andere Verhaltensweisen akzeptiere, möchte ich gefälligst auch meine eigene Lebensweise toleriert wissen. Ich möchte ruhigen Gewissens meinen veganen Kram mapfen, ohne das mir Unverständige laufend mit Diskussionen wie der obigen auf den Sack gehen. Ich habe keinen Bock, dass vorurteilsbehaftete, anders Lebende ständig Rechtfertigungen von mir verlangen... Leben und leben lassen, oder?!
Gott, was hängt mir dieser Driss zum Hals heraus -.-


6 Kommentare:

  1. Zunächst - es ist immer wieder eine Freude, auf deine Seite zu gehen und die excellente musikalische Untermalung zu genießen! :-*

    Ich hasse diese Diskussionen auch. Hast aber gut gekontert.

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  2. Auch wenn es ein ernstes Thema ist, musste ich eben total grinsen über deiner Art & Weise es zu schreiben, aber auch wie gut (&wahr) du argumentiert hast. Ich verstehe Vegetarierer und würde auch nichts dagegen sagen, solange mir keiner das Stück Schinken vom Brötchen klaut ;-) aber dieses Unverständnis - ja ich kenne das so gut!!! Vorallem ist es eben immer so - sorry - dumm, wenn die nicht-gut-argumentierende Person das Thema aufgreift und sich nicht mal ansatzweise bewusst wird, dass sie im Unrecht steht!! Am meisten ärgert mich in meinem Umfeld die Aussage "Fleisch ist schon wieder so teuer geworden...." - bitte? Das müsste doppelt so teuer sein!!! Damit es - wenn schon - auch mal wieder mit Bewusstsein gegessen wird... Nicht zur Massensättigung.
    Schade ist einfach, dass sooo viele sich nicht mal zum
    nachdenken anstoßen lassen. Dann müsste man sich ja selbst eingestehen, dass man vielleicht nicht alles richtig macht....

    Dir auf jeden Fall heute Abend viel Spaß beim Musical! ;-)

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  3. Ich kenne das nur andersrum *böserFleischesserich* ;)
    Meine ehemalige Freundin hat mir immer gesagt, wie ekelig es ist, Fleisch zu essen...nein, sie nannte es immer totes Tier...vorzugsweise, wenn ich was gegessen habe. Daher kann ich verstehen, wie sehr es dich ankotzt, wenn man deine Essensweise kritisiert.

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  4. Leider muß ich Jessy Recht geben: Die aggressiven Besserwisser in Bezug auf Fleisch sind meiner Erfahrung nach die Vegetarier. Und Veganer sind die *schlimmsten* :(
    Ich mag Fleisch, obwohl ich weiß, dass es falsch ist. Würde es in Kauf nehmen, weniger davon zu essen und dafür mehr zu bezahlen, wenn's denn Tieren dabei besser ginge.
    Aber ich bin nicht arrogant genug, diese Lebensweise allen anderen vorschreiben zu wollen!

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    1. Ui, da habe ich ja scheinbar ein kontroverses Fass aufgemacht. Ich denke agressive Besserwisser (oder auch Garnichtswisser) gibt es auf beiden Seiten...und ich finde beide gleichermaßen ätzend. Ich kenne tatsächlich auch einige Vegetarier, die Verfechter der "Fleischesser sind alle asozial und scheiße"-Atiitude sind, über die könnte ich mich fast noch mehr aufregen, als über die agressiven Fleischesser, weil sie den Fleischesser ja quasi einen guten Grund geben, alle anderen Veggies vollkommen gehaltlos abzuurteilen -.-'

      Das schönste wäre, wenn beide Seiten einander einfach in Ruhe lassen könnten, auch wenn sie die gegenteilige Lebensweise nicht gut finden.

      (Ich habe mich über deinen (auch über Jessys) Contra-Kommentar übrigens sehr gefreut - ich mag es wenn mir Leute, die anderer Meinung sind, nicht einfach nach dem Mund reden und sich trauen in gegenteiliger Hinsicht das Kläppchen aufzureißen ;) Danke)

      liebe Grüße

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  5. Ich hätte genau so argumentiert wie du :) <3 sehr toll!

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Ich bin mittlerweile dazu über gegangen, im Voraus ein wenig zu filtern. Bitte, bitte keine Handynummern und Kontaktadressen in eindeutiger Absicht! Die wurden früher regelmäßig gelöscht und werden nun eben in der Voarab-Durchsicht heraus gesiebt.
Ansonsten sind liebe Worte und gepfefferter Shitstorm gleichermaßen willkommen.